Velo-Navigation über CarPlay
Es ist ein klassisches Sommerproblem, das vermutlich viele kennen: Man klemmt das iPhone an den Lenker, navigiert los – und nach einer halben Stunde in der prallen Sonne wird das Gerät so heiss, dass es das Display abdunkelt, die Leistung drosselt oder gleich mit einer Temperaturwarnung den Dienst quittiert. Genau das hat mir die Freude an der Velo-Navigation zuverlässig vermiest.
Mein Ziel war darum klar: Das Handy soll geschützt und kühl im Gepäck verschwinden – und ich will trotzdem Navigation, Nachrichten und Musik bequem am Lenker haben. Der Weg dorthin war ein kleiner Umweg mit ein paar Aha-Momenten. Hier die ganze Geschichte, und am Ende eine Anleitung zum Nachmachen.
Der naheliegende, aber falsche erste Gedanke
Die offensichtliche Lösung wäre ein dedizierter Velocomputer gewesen – ein Garmin Edge oder ein Wahoo Elemnt. Die navigieren eigenständig, das Handy könnte komplett im Rucksack bleiben, kein Überhitzen. Eine saubere Sache, die alle Bikepacker für genau dieses Szenario nutzen.
Nur: Ich wollte mehr als reine Abbiegehinweise. Mir schwebte ein richtiges, smartphone-artiges Display am Lenker vor – mit eingehenden Nachrichten, Musiksteuerung, Anrufen, dem ganzen Komfort. Also eigentlich: CarPlay am Velo. Und das kann ein Velocomputer schlicht nicht.
Die Hardware hatte ich bereits
Was viele nicht wissen: Für Motorräder gibt es längst wetterfeste CarPlay-Displays. Bei mir ist es ein Interphone RideSync (Modell SYNC55) von Cellularline – ein 5,5-Zoll-Touchscreen, ultrahell und auch mit Handschuhen bedienbar, wetterfest nach IP66. Das iPhone verbindet sich kabellos per Bluetooth und WLAN, die komplette CarPlay-Oberfläche erscheint auf dem Display, während das Handy sicher in der Tasche bleibt. Montiert wird das Gerät mit dem Quiklox-Schnellverschluss am Lenker.
Ein Detail ist dabei wichtig: Der RideSync hat keinen eigenen Akku, er braucht durchgehend Strom. Eigentlich ist er für den 12-Volt-Anschluss eines Motorrads gedacht – bei mir läuft er ganz unspektakulär über den USB-Port meines E-Bikes. Damit war das Hitzeproblem im Grunde gelöst: Das iPhone bleibt kühl im Gepäck, der Bildschirm am Lenker ist für Sonne und Wetter gebaut. Perfekt. Dachte ich.
Das eigentliche Problem: keine Velo-App auf CarPlay
Hier kam die Ernüchterung. CarPlay zeigt nur Apps an, deren Entwickler explizit eine CarPlay-Variante gebaut haben – und Apple lässt das ohnehin nur für bestimmte Kategorien zu. Die typischen Velo-Apps wie Komoot oder Bosch eBike Flow unterstützen CarPlay nicht. Übrig bleiben Apple Karten, Google Maps und ähnliche – und die routen alle wie fürs Auto.
Ich hatte also das Display, aber kein vernünftiges Velo-Routing. Frustrierend.
Die Lösung: OsmAnd
Nach einigem Suchen zeigte sich: Es gibt nur sehr wenige Navi-Apps, die CarPlay und echtes Velo-Routing beherrschen. Die mächtigste ist OsmAnd – quelloffen, offline-fähig, und sie bringt ein vollwertiges Fahrrad-Profil mit, das Velowege bevorzugt und Höhendaten berücksichtigt. Die simplere Alternative wäre Magic Earth.
Noch ein wichtiger Hinweis: CarPlay ist in OsmAnd eine kostenpflichtige Funktion. Man braucht also die Bezahlversion beziehungsweise ein Abo. Für mich war das die paar Franken wert.
So habe ich es eingerichtet
In zwei Schritten – zuerst das Velo-Routing in OsmAnd selbst, dann die Verbindung zu CarPlay.
Zuerst die App vorbereiten:
- Offline-Karten laden: Menü → Karten & Ressourcen → die gewünschten Regionen herunterladen. Für die Höhenprofile zusätzlich die Höhenlinien laden. Wichtig ist auch die Weltübersichtskarte (dazu gleich mehr).
- Velo-Profil aktivieren: Menü → Einstellungen → App-Profile → das Profil Fahrrad einschalten.
- Velo-Routing einstellen: Im Fahrrad-Profil unter Navigationseinstellungen → Routenparameter den Routing-Typ Bicycle wählen und nach Geschmack feinjustieren (etwa Hauptstrassen meiden).
Und jetzt der eigentliche Clou für CarPlay: Unter Menü → Einstellungen → CarPlay-Profil wählt man aus der Liste sein Fahrrad-Profil aus. Genau dieses Profil wird dann verwendet, solange das Handy mit dem Display verbunden ist – dadurch rechnet OsmAnd am Lenker als Velo und nicht als Auto. Wichtig: Das Profil lässt sich nicht am Display umstellen, sondern nur vorher am Handy.
Der Komoot-Trick für schöne Routen
Wer seine Touren lieber in Komoot plant (ich tue das gern), muss nicht darauf verzichten: In Komoot planen, die Route als GPX exportieren, in OsmAnd importieren – und dann entlang dieses Tracks navigieren. So bekommt man Komoots Routenqualität auf den CarPlay-Schirm, obwohl Komoot selbst kein CarPlay kann.
Die eine Stolperfalle: Karte leer, Navigation läuft
Beim ersten Test hatte ich einen kuriosen Effekt: Die Navigation funktionierte tadellos, aber es wurde keine Karte angezeigt. Der Grund: In OsmAnd sind Routing und Kartendarstellung zwei getrennte Dinge. Die Navigation nutzt die Routing-Daten, die gezeichnete Karte hängt von der Kartenquelle ab.
Die Lösung bestand aus zwei Handgriffen: In der Kartenkonfiguration die Kartenquelle auf Offline-Vektorkarten stellen (nicht auf eine Online-Quelle), und die erwähnte Weltübersichtskarte herunterladen – die wird bei kleineren Zoomstufen verwendet, und fehlt sie, bleibt die Karte beim Rauszoomen leer. Danach war alles da.
Das i-Tüpfelchen: Ton am Lenker
Zum Schluss noch der Komfort: Damit ich Navi-Ansagen und Musik höre, kam ein wetterfester Bluetooth-Lautsprecher an den Lenker. Das Schöne dabei – um das Zusammenspiel von Navigation und Musik muss man sich gar nicht kümmern. Das iPhone mischt beides wunderbar: Die Musik läuft, und sobald eine Abbiegeansage kommt, wird sie kurz leiser, die Stimme sagt an, danach spielt die Musik weiter. Genau so, wie man es vom CarPlay im Auto kennt.
Fazit
Das Resultat: Mein iPhone bleibt kühl und geschützt im Gepäck, während ich am Lenker ein vollwertiges, sonnentaugliches Display mit echter Velo-Navigation, Nachrichten und Musik habe. Etwas Bastelei war nötig, und ein paar Stolperfallen lagen im Weg – aber jetzt macht das Navigieren wieder Freude, egal wie heiss die Sonne brennt.
Wer ein ähnliches Setup fährt oder noch einen besseren Weg kennt: Ich freue mich über Rückmeldungen.