Chronik der Familie Kousz: Von den Ufern der Mur an die Limmat
Mit Begeisterung blicken wir auf eine Familiengeschichte zurück, die ebenso dynamisch wie facettenreich ist. Der Name Kousz steht für eine Reise durch die europäische Zeitgeschichte – geprägt von geopolitischen Umbrüchen im Habsburgerreich, dem Aufbruch in die Schweiz, meisterhaftem Handwerk und dem Aufbau einer beständigen Heimat im Kanton Zürich. Diese Chronik verbindet die historischen Wurzeln in der Grenzregion Prekmurje mit den Generationen von gestern, heute und morgen.
1. Das historische Fundament im Prekmurje
Die geografischen Ursprünge der Familie Kousz liegen im Prekmurje (dem Übermurgebiet), einer geschichtsträchtigen Landschaft im heutigen Nordosten Sloweniens. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts – in der Epoche, in der der Schweizer Stammvater Alois Kousz aufwuchs – war die Landkarte Mitteleuropas völlig anders gezeichnet als heute. Die Region war Teil des Königreichs Ungarn innerhalb der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.
Die ländliche Bevölkerung lebte in einem multikulturellen, dreisprachigen Schmelztiegel zwischen slowenischen, ungarischen und deutsch-österreichischen Einflüssen. Das Heimatdorf der Familie, Petanjci, lag direkt an der Mur und trug in den amtlichen Registern jener Zeit den offiziellen ungarischen Namen Szecsenykuth (oder Szécsénykút). In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich das Dorf Krajna, das zur selben Pfarre (Tišina) gehörte und ebenfalls Kous-Familien beherbergte.

Alois‘ Weg von Petanjci an der Mur nach Zürich an der Limmat – rund 650 Kilometer zwischen 1882 und 1914.
Die sprachliche Wurzel des Namens
Der Nachname selbst ist ein faszinierendes linguistisches Denkmal dieser Grenzregion:
- Die Urform (Kos): Im slawischen Sprachraum bedeutet das Wort Kos schlicht «Amsel». Es entstand ursprünglich als Herkunfts- oder Übername.
- Die ungarische Anpassung (Kousz): Unter der ungarischen Verwaltung im späten 19. Jahrhundert wurden viele Namen in den Kirchenbüchern orthografisch angepasst. Da im Ungarischen «sz» für den Laut s steht, fixierte die Schreibweise Kousz die korrekte slawische Aussprache. In den Original-Matriken von Tišina erscheint die Familie deshalb je nach Pfarrer als Kous (slowenisch) oder Kousz (ungarisch) – derselbe Name in zwei Schreibungen.
Wirtschaftlich stand das Prekmurje um 1880 unter grossem Druck. Die rasch wachsende Bevölkerung konnte durch die traditionelle Landwirtschaft kaum noch ernährt werden. Dies zwang viele junge, ambitionierte Männer dazu, ein Handwerk zu erlernen und die Heimat zu verlassen. Während ein Teil der erweiterten Verwandtschaft den Weg über den Atlantik nach Pennsylvania (USA) einschlug, orientierten sich andere in die florierenden Metropolen Westeuropas.
2. Alois Kousz: Aufbruch in die Schweiz
Der entscheidende Brückenschlag in die Schweiz wurde von Alois Kousz vollzogen. Geboren am 30. Juni 1882 in Szecsenykuth (Petanjci), wuchs er in dieser Welt des Umbruchs auf. Er entschied sich gegen die Landwirtschaft und absolvierte eine fundierte Ausbildung im traditionsreichen Handwerk des Schuhmachers. Als junger Geselle zog er schliesslich auf der Suche nach Arbeit und Perspektiven in die Schweiz.
Seine Herkunft: Helena Kous und Janez Rajbar
Alois‘ Geburts- und Taufschein (Pfarre Tišina, Band III, Seite 73, Nr. 34) hält fest, dass er unehelich als Sohn der Helena Kous zur Welt kam – einer Bauerntochter vom Hof Petanjci Nr. 60. Von ihr stammt der Familienname. Sein leiblicher Vater wird in einer späteren Anmerkung benannt: Janez (Johann) Rajbar aus Tropovci Nr. 18, Sohn von Georg Rajbar und Katharina Küronja. Alois‘ Abstammung ist damit dokumentarisch greifbar: mütterlich über die Kous, väterlich über die Rajbar.

Geburts- und Taufschein von Alois Kous («Alojz»), beglaubigt vom Pfarramt Tišina am 4. November 1938, abgeschrieben aus dem Geburts- und Taufbuch Band III, Seite 73, Nr. 34. Quelle: Familienbesitz.

Übertragung der wichtigsten Angaben des Taufscheins: Geburt 30. Juni 1882 in Petanjci 60, Mutter Helena Kous, leiblicher Vater Janez Rajbar.
Alois Kousz und seine Schuhmacherei
Aus Alois‘ Zürcher Jahren sind Fotografien erhalten, die ihn als selbständigen Schuhmachermeister zeigen – sein Ladengeschäft «Alois Kousz · Schuhmacher · Massarbeit · Reparaturen» sowie ihn selbst bei der Arbeit.

Das Ladengeschäft: «Alois Kousz · Schuhmacher · Massarbeit · Reparaturen». Quelle: Familienbesitz.

Alois Kousz bei der Arbeit in seiner Werkstatt. Quelle: Familienbesitz.
In Zürich angekommen
Er liess sich in Zürich nieder, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer beispiellosen Wachstumsphase befand. Dank historischer Regierungsakten lässt sich sein Leben im Jahr 1914 detailgetreu rekonstruieren:
- Das Leben im Universitätsviertel: Alois Kousz etablierte sich im heutigen Zürcher Kreis 6 (Oberstrass). Er wohnte und wirkte an der Culmannstrasse 81 – nahe dem pulsierenden Stadtzentrum.
- Wirtschaftliche Stärke: Dass Alois ein geschickter und geschäftstüchtiger Handwerksmeister war, beweisen die Mittel, die er für seine Einbürgerung aufbrachte. Die Stadt Zürich erhob eine Einkaufsgebühr von 400 Franken, der Kanton Zürich eine zusätzliche Landrechtsgebühr von 200 Franken (ergänzt durch 15 Franken Ausfertigungsgebühr). In einer Zeit, in der ein durchschnittlicher Arbeiter nur wenige Franken am Tag verdiente, entsprach diese Gesamtsumme von über 600 Franken einem halben Jahreslohn – ein eindrücklicher Beleg für seinen Fleiss und seinen Erfolg.

Faksimile aus den Zürcher Einbürgerungsakten von 1914. Quelle: Staatsarchiv des Kantons Zürich.
Das historische Wunder vom Juli 1914
Die Einbürgerung von Alois Kousz war im Rückblick ein Meisterwerk des Timings, das in eine Phase extremster weltpolitischer Spannungen fiel:
- 8. Januar 1914: Alois erhält die bundesrätliche Einbürgerungsbewilligung.
- 11. Juli 1914: Er wird offiziell in das Bürgerrecht der Stadt Zürich aufgenommen.
- 24. Juli 1914: Der Regierungsrat des Kantons Zürich bestätigt die Erteilung des Landrechts. Damit wurde er offizieller Schweizer Staatsbürger.

Die entscheidenden Tage des Jahres 1914 – die Schweizer Einbürgerung fiel unmittelbar vor den Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Der historische Kontext: Nur vier Tage nach dem Regierungsratsbeschluss, am 28. Juli 1914, erklärte Österreich-Ungarn den Krieg und markierte damit den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Hätte sich das Zürcher Verfahren auch nur um eine Woche verzögert, wäre Alois Kousz als ungarischer Staatsbürger im wehrfähigen Alter unweigerlich zum Kriegsdienst eingezogen worden. Die Einbürgerung im schicksalhaften Juli 1914 legte das sichere Fundament für alle nachfolgenden Generationen unserer Familie.
3. Die Radkersburger Kousz: Namensvettern aus derselben Pfarre
Eine frühere Annahme dieser Chronik – Alois sei der älteste Bruder der Radkersburger Kousz gewesen – hat sich bei der Auswertung der Original-Kirchenbücher von Tišina (2026) nicht bestätigt. Sein eigener Geburts- und Taufschein hält fest: Alois wurde unehelich geboren, als Sohn der Helena Kous vom Hof Petanjci 60. Er war damit kein Sohn von Michael Kousz und Theresia Serdt – und folglich nicht der Bruder von Stefan, Elek, Josef und Maria.
Die Radkersburger Kousz bleiben gleichwohl ein interessanter Teil dieser Geschichte – als Namensvettern aus derselben Pfarre, deren genauer Verwandtschaftsgrad zu Alois offen ist. In den Kirchenbüchern der Diözese Graz-Seckau sind vier Geschwister mit denselben Eltern dokumentiert:
- Stefan Kousz (geboren am 13. Juli 1884)
- Elek (Alexius) Kousz (geboren am 4. Oktober 1894)
- Josef Kousz (Schmiedmeister, gestorben am 25. Juni 1940)
- Maria Kousz (Heirat am 15. März 1917)
Ihre Eltern waren der Grundbesitzer Michael Kousz und Theresia, geborene Serdt (je nach Pfarrer auch Szedt oder Szerdt), wohnhaft in Alt-Neudörfl 43.

Petanjci (Alois), Tišina, Tropovci und Krajna im Prekmurje liegen nur wenige Kilometer von Bad Radkersburg und Alt-Neudörfl entfernt. Bis 1919 eine Region, danach durch die Mur-Grenze zwei Staaten.
Auch diese Linie stammt aus dem Prekmurje
Die Matriken von Tišina zeigen, dass diese Familie nicht ursprünglich steirisch war: Elek wurde am 4. Oktober 1894 nicht in Radkersburg, sondern in Vanča vas (Pfarre Tišina) geboren, als Sohn des Taglöhners Michael Kous. Die Radkersburger Kousz sind also – wie Alois – aus dem Prekmurje stammende Tišina-Kous, die erst nach dem Ersten Weltkrieg über die Mur in die Steiermark zogen.
Warum der Name allein nichts beweist
Die frühere Beweisführung stützte sich vor allem auf die vermeintliche Seltenheit des Namens. Genau das hat sich als Irrtum erwiesen: In der Pfarre Tišina ist Kous einer der häufigsten Namen überhaupt – über sechzig Taufen allein zwischen 1861 und 1911, mit mehreren gleichnamigen Familien gleichzeitig. Belegt sind mindestens vier verschiedene Kous-Haushalte in verschiedenen Dörfern (Petanjci 60, Krajna 14, Vanča vas 39, Gederovci). Der Name allein belegt deshalb keine nahe Verwandtschaft. Gesichert sind die gemeinsame Pfarr-Heimat, der gemeinsame Namensraum und das grenzüberschreitende Wandermuster – nicht aber ein gemeinsamer naher Vorfahre.

Trauungsbuch 10 (1878–1919) der Pfarre Bad Radkersburg, Eheschliessung von 1917, mit dem Familiensitz Alt-Neudörfl. Digitalisat: Matricula-Online (ICARUS).

Trauungsbuch 11 (1919–1938) der Pfarre Bad Radkersburg, Eintrag von 1919. Digitalisat: Matricula-Online (ICARUS).

Taufbuch 32 (1905–1927) der Pfarre Bad Radkersburg. Digitalisat: Matricula-Online (ICARUS).

Trauungsbuch 11 (1919–1938) der Pfarre Bad Radkersburg, weiterer Trauungseintrag der Linie. Digitalisat: Matricula-Online (ICARUS).

Trauungsbuch VII (1925–1929) der Pfarre Graz-Herz-Jesu – die Spur dieser Linie reicht bis in die Landeshauptstadt. Digitalisat: Matricula-Online (ICARUS).
4. Die Schweizer Familie: Charlotte Vögeli, Fritz und Max Kousz
Nachdem die rechtliche und wirtschaftliche Basis in Zürich gefestigt war, schlug die Familie Kousz tiefe Wurzeln. Alois Kousz vermählte sich mit Charlotte Vögeli. Die Heirat mit einer Schweizerin symbolisierte die endgültige gesellschaftliche und kulturelle Integration.
Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor, welche die Familiengeschichte im Kanton Zürich mit Leben füllten und den markanten Namen in die nächste Generation trugen:
Fritz Kousz
Als älterer Sohn wuchs Fritz im pulsierenden Zürich auf. Er erlebte die Transformation der Stadt in der Zwischen- und Nachkriegszeit und sorgte mit seiner eigenen Familie dafür, dass der Name Kousz im Wirtschaftsraum Zürich ein Begriff blieb. Von ihm und seiner Ehelinie stammen direkte Nachkommen ab.
Max Kousz
Auch der zweite Sohn, Max Kousz, verbrachte sein Leben in der Limmatstadt. Er prägte das familiäre Erbe weiter und sicherte die Weitergabe der Werte, die bereits seinen Vater ausgezeichnet hatten: Fleiss, Zuverlässigkeit und familiärer Zusammenhalt. Auch aus diesem Zweig erwuchsen weitere Nachfahren.
Aus den Linien von Fritz und Max Kousz entstammen die heutigen Generationen der Familie, die die Familiengeschichte bis in die unmittelbare Gegenwart fortschreiben.
5. Das Erbe der Familie Kousz
Was im späten 19. Jahrhundert als Geschichte eines unehelich geborenen Kindes im kleinen Dorf Petanjci begann, hat sich zu einer stolzen, international vernetzten Familiengeschichte entwickelt. Der Name Kousz ist in der Schweiz bis heute ein seltenes Gut geblieben. Er steht symbolisch für den Mut, die gewohnte Heimat zu verlassen, sich durch exzellentes Handwerk Respekt zu verdienen und in Zeiten globaler Krisen eine sichere Zukunft aufzubauen.
Dass eine sorgfältige Quellenarbeit den Blick schärft und manche Annahme präzisiert, mindert dieses Erbe nicht – im Gegenteil. Wir bewahren das Andenken an Alois, seine Mutter Helena Kous, seine Ehefrau Charlotte sowie an die Söhne Fritz und Max Kousz, indem wir ihre Geschichte ehrlich weitertragen.
Quellen und Archivnachweise
Geburt und Taufe: Geburts- und Taufschein des Alois Kous, Pfarre Tišina, ausgestellt am 4. November 1938 (Abschrift aus dem Geburts- und Taufbuch Band III, Seite 73, Nr. 34). Familienbesitz; Originalbuch im Matrikenbestand der Pfarre Tišina (Nadškofijski arhiv Maribor).
Einbürgerung: Regierungsratsbeschluss Nr. 1690 «Landrecht», Kanton Zürich, Juli 1914 (Staatsarchiv des Kantons Zürich).
Fotografien der Schuhmacherei: Familienbesitz – Ladengeschäft und Werkstatt von Alois Kousz, Zürich.
Pfarrmatriken Tišina (Digitalisate: Matricula-Online; Bestand Nadškofija Maribor):
- Taufbuch 1875–1888 (Signatur 04269), Eintrag Nr. 34 – Taufe von Alois Kous, 1882.
- Taufbuch 1832–1874 (Signatur 04268), Eintrag Nr. 27/1861 – Janez Rajbar; Eintrag Nr. 51/1867 – Mihály Kousz (Krajna 14).
- Taufbuch 1889–1906 (Signatur 5086), Eintrag Nr. 68/1894 – Elek Kous (Vanča vas 39).
- Trauungsbuch 1848–1893 (Signatur 04277) – Kous-Heiraten (Gederovci 1851, Krajna 1854).
- Einstieg: https://data.matricula-online.eu/sl/slovenia/maribor/tisina/
Pfarrmatriken Bad Radkersburg / Graz (Digitalisate: Matricula-Online / ICARUS):
- Bad Radkersburg, Trauungsbuch 10 (1878–1919), Seite 267.
- Bad Radkersburg, Trauungsbuch 11 (1919–1938), Seiten 5 und 172.
- Bad Radkersburg, Taufbuch 32 (1905–1927), Seite 168.
- Graz-Herz-Jesu, Trauungsbuch VII (1925–1929), Seite 334.
Die Aufnahmen historischer Matriken werden von Matricula-Online (ICARUS) bzw. dem Nadškofijski arhiv Maribor bereitgestellt und dürfen für die private und wissenschaftliche Familienforschung verwendet werden; bei einer Veröffentlichung ist die Quelle anzugeben.
Hinweis an die Familie und Besucher: Haben Sie weitere historische Dokumente, persönliche Anekdoten oder alte Fotografien aus der Zeit an der Culmannstrasse oder aus der alten Heimat? Wir freuen uns über jede Nachricht und Ergänzung von Nachkommen, um diese digitale Chronik fortlaufend zu bereichern!