Was im KI-unterstützten Programmieren heute möglich ist – am Beispiel von «Go and Stop».

Der Spielautomat in der Eingangshalle

In der Eingangshalle der Villa Wellentanz hängt ein Spielautomat aus den späten 1960er- oder frühen 1970er-Jahren. «Go and Stop» heisst er. Wer eine Münze einwirft, setzt einen roten Pfeil in Bewegung, der sich dreimal über ein Regenbogenrad dreht. Mit zwei Stop-Tasten links und rechts kann man ihn anhalten. Ziel: in drei Läufen entweder 1–5 Punkte oder 14–18 Punkte erreichen. Alles dazwischen ist eine Niete.

Die Mechanik ist herrlich anachronistisch. Das Gehäuse ist aus Goldblech, der Gewinnplan klebt als gedrucktes Papier hinter Plexiglas, und die elektromechanischen Klick-Geräusche klingen wie aus einem alten Schweizer Film. Wer in der Villa Wellentanz schon einmal gewartet hat, hat fast sicher eine Münze hineingeworfen.

Anlass: Mein KI-Vortrag

Am Dienstag, 28. April 2026, habe ich in der Villa Wellentanz einen Vortrag über Künstliche Intelligenz gehalten – einen verständlichen Einstieg für Menschen ohne technisches Vorwissen. Was kann KI heute wirklich? Wo sind die Grenzen? Wo lohnt es sich, hinzuschauen?

Für solche Vorträge braucht es nicht nur Folien, sondern Live-Demos. Etwas, bei dem die Zuschauer:innen die Wirkung mit eigenen Augen sehen können. Und so kam ich auf die Idee: Was wäre, wenn ich den Spielautomaten aus unserer Eingangshalle als Browserspiel nachbaue? Nicht in Tagen, sondern in einem einzigen Abend. Im Dialog mit Claude, dem KI-Modell von Anthropic, das ich für Programmieraufgaben verwende.

Die erste Aufforderung

Die ganze Sache begann mit einem einzigen Satz und einem Foto vom Automaten:

«Programmiere ein Browserspiel, das wie dieser Spielautomat funktioniert.»

Was dann passierte, war für mich – obwohl ich seit Jahrzehnten in der Informatik tätig bin – immer noch verblüffend. Die KI analysierte das Foto, erkannte den Gewinnplan, las die Spielregeln vom Plexiglas-Aufkleber, identifizierte die Zahlenfolge auf dem Drehkreis und lieferte innerhalb weniger Sekunden eine erste Version: Eine einzelne HTML-Datei, etwa 1’200 Zeilen lang, mit goldenem Art-Deco-Rahmen, Regenbogen-Wirbel als SVG, animiertem Pfeil, korrektem Gewinnplan und funktionierender Spiellogik. Nichts davon hatte ich vorgegeben. Die KI hatte aus dem Foto interpretiert, was nötig war.

Iteration: Wie ein Spiel langsam zum Spiel wird

Natürlich war die erste Version nicht perfekt. Aber genau das ist der Punkt: Heute reicht es, in normaler Sprache zu beschreiben, was nicht stimmt. Die KI versteht und korrigiert. Hier ein paar meiner Rückmeldungen während der Entwicklung:

  • «Der Pfeil dreht zu schnell» → Geschwindigkeit halbiert.
  • «Die Punkte werden nicht korrekt gezählt» → Logikfehler analysiert und behoben.
  • «Wenn 5 Punkte erreicht werden, soll zuerst die 1, dann die 2, usw. bis 5 aufleuchten – mit klackendem Geräusch» → Hochzähl-Animation samt Web-Audio-Klick eingebaut.
  • «Die Null hat eine Sonderregel: Wer im letzten Lauf darauf stoppt, bekommt trotzdem 2 Franken» → Regel implementiert, inklusive eigener Erfolgsmeldung und Hervorhebung.
  • «Schöne wäre noch ein Sound, wenn der Pfeil dreht. Wenn der Nutzer nicht stoppt, dann stoppt der Automat selber.» → Tickender Drehsound pro Segment, dazu Auto-Stop nach sechs Sekunden Inaktivität.
  • «Der Pfeil ist nicht im Zentrum des Kreises» → Drehachse korrigiert.
  • «Mach es für das iPhone» → Vollbild-Layout mit Safe Areas, Touch-Buttons, haptisches Feedback bei Tasten und Gewinn, App-Icon für den Home-Bildschirm.

Jede dieser Anpassungen wäre früher ein Auftrag an einen Entwickler gewesen – mit Pflichtenheft, Aufwandschätzung, Termin. Heute dauern sie Minuten.

Was am Ende dabei herauskam

Ein vollständig funktionierendes Browserspiel, das den physischen Automaten in der Eingangshalle erstaunlich genau nachbildet:

  • Goldener Art-Deco-Rahmen mit gestreiften Eckverzierungen
  • Originalgetreuer Gewinnplan mit den korrekten Auszahlungen
  • Drehender roter Pfeil mit Tick-Geräusch pro Segment
  • Hochzähl-Animation mit Klacken, wenn Punkte addiert werden
  • Erfolgs-Jingle bei Gewinn
  • Vibration auf dem Handy bei Tastendruck und Gewinn
  • Auto-Stop, wenn man nichts tut
  • Vollbild-Modus auf dem iPhone, wie eine richtige App

Das alles in einer einzigen HTML-Datei von etwa 60 KB. Kein Server, keine Datenbank, keine Installation. Einfach im Browser öffnen und spielen. Wer es ausprobieren möchte: jpk.ch/goandstop/ – am besten gleich auf dem iPhone, dort dann via Safari «Zum Home-Bildschirm» hinzufügen, und es läuft als App im Vollbild.

Was das über die heutige Programmierung sagt

Vor zehn Jahren hätte ein solches Projekt mehrere Tage Arbeit gekostet. Vor zwanzig Jahren mehrere Wochen. Heute braucht es einen Abend, einen kompetenten KI-Assistenten und eine klare Vorstellung davon, was man erreichen will.

Das verändert vieles. Nicht nur in der professionellen Softwareentwicklung, wo KI-gestütztes Programmieren längst zum Alltag gehört, sondern vor allem für Menschen mit Ideen, die bisher an der technischen Hürde gescheitert sind. Wer heute eine kleine Anwendung braucht – ein Browsergame, einen Rechner, ein Visualisierungstool, eine Mini-Datenbank für den Vereinsbedarf – kann das mit der richtigen Anleitung selbst entwickeln. Auch ohne jahrelange Programmierausbildung.

Was nach wie vor zählt: zu wissen, was man will. Eine klare Vorstellung von der Sache zu haben. Verstehen zu können, ob das, was die KI liefert, sinnvoll ist. Genau hier liegt die neue Kernkompetenz – nicht im Schreiben von Code, sondern im präzisen Beschreiben von Anforderungen und im kritischen Beurteilen von Ergebnissen.

Übrigens: Der Vortrag wird wiederholt

Wer den KI-Vortrag am 28. April verpasst hat: Am Montag, 11. Mai 2026 um 19:00 Uhr findet er noch einmal in der Villa Wellentanz statt. Und wer vorher schon einen kleinen Vorgeschmack möchte, ist eingeladen, in der Eingangshalle eine Münze in den echten «Go and Stop» zu werfen – oder sich gleich zu Hause am Browser-Pendant zu versuchen.

Beide funktionieren nach den gleichen Regeln. Aber nur einer von beiden ist schweigend in einem Abend entstanden.