Vierzig Jahre GRÜN Ivaris AG
Am 5. November war ich im SMGV-Ausbildungszentrum in Wallisellen, an der GRÜN Ivaris Konferenz 2026. Das Thema war die Digitalisierung in der Berufsbildung, Chancen und Risiken. Und nebenbei feierte das Unternehmen, das ich am 1. Januar 1986 eröffnet habe, sein vierzigjähriges Bestehen.
Vierzig Jahre. Das ist eine Zahl, bei der man aufpassen muss. Sie verführt dazu, eine Geschichte zu erzählen, in der alles zielstrebig auf das Heute zuläuft. So war es nicht. Es war ein Weg aus Zufällen, Ärger über umständliche Abläufe und ein paar Nächten, in denen ich etwas programmiert habe, weil es sonst niemand getan hätte.
Was ich auf der Bühne erzählt habe
Ich durfte am späten Nachmittag auf die Reise durch diese vierzig Jahre mitnehmen. Ich habe bewusst keine Firmenchronik gehalten, sondern Anekdoten erzählt.
Zum Beispiel vom Anfang: ein kleines Büro in einem alten Haus im Dorf, ich allein, meine Partnerin kam nach drei Monaten dazu, und am Ende des ersten Jahres waren wir zu viert. Wir haben Netzwerke geschult und Kurse zu DOS und WordPerfect gegeben. Davor war ich in der Forschung bei Mettler Instrumente. Dort habe ich beim Metzger beobachtet, wie umständlich das Eingeben von Preisen an jeder einzelnen Waage war, und daraus wurde eine vernetzte Lebensmittelwaage. Im Rückblick war das schon die ganze Idee: hinschauen, wo etwas mühsam ist, und es ändern.
Und ich habe die Geschichte von PkOrg erzählt. Im Kanton Zürich konnten damals bereits KV-Lernende ausgebildet werden, eine Informatiklehre gab es hingegen noch nicht. Ein kleines Team erarbeitete ein Ausbildungsreglement und stellte schon bald die ersten acht Lehrstellen zur Verfügung. Wir von der Ivaris waren da natürlich mit dabei.
Schon bald gründeten wir die ZLI (Zürcher Lehrmeistervereinigung). Ich wurde Präsident der Prüfungskommission PK19 und baute auch das Ausbildungszentrum der ZLI in Winterthur auf. Zusammen mit Franz Kuster entwickelte ich anschliessend das Prüfungskonzept für die Applikationsentwickler.
Doch nun brauchte es auch eine Software, um die Lehrabschlussprüfungen zu organisieren. Die erste Version schrieb ich zwischen Weihnachten und Neujahr in Perl – als privates Freizeitprojekt. Die Software lief auf einem Rechner bei mir im Keller.
Als dieser Rechner im Mai, mitten in den laufenden Prüfungen, ausfiel, musste ich meine Ferien in Florida abbrechen und kurzerhand nach Hause fliegen.
Spätestens da war klar: Aus meinem kleinen Freizeitprojekt war längst eine geschäftskritische Anwendung geworden.
Heute arbeiten pro Prüfungsjahr rund 75’000 Menschen mit PkOrg, darunter etwa 30’000 Lernende und über 20’000 Expertinnen und Experten. Vorher liefen diese Prüfungen über Excel, Papier und sehr viele Telefonate.
Was mir wichtiger war als die Zahlen
Wenn mich jemand fragt, worauf ich stolz bin, nenne ich nicht die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer. Ich nenne die Rückmeldungen.
Unsere Lösungen tragen in wesentlichen Teilen die Handschrift der Leute, die damit arbeiten. Expertinnen und Experten, Prüfungsorganisationen, OdA, kantonale Ämter, Hochschulen. Sie haben uns gesagt, was nicht funktioniert. Manchmal laut, manchmal leise. Und meistens hatten sie recht. Was ich mir für die Zukunft wünsche, sind deshalb nicht in erster Linie neue Funktionen oder zusätzliche Bildschirme, sondern die Bereitschaft, weiterhin genau hinzuhören.
2023 haben Heike Hochstrasser und ich das Unternehmen an die GRÜN Software Group übergeben. Das Loslassen ist mir nicht leichtgefallen, das habe ich auch auf der Bühne gesagt. Aber ich halte es für richtig, dass Gründer rechtzeitig Verantwortung abgeben. Sonst wird das eigene Werk irgendwann zur Bremse. Dass ich weiter mitarbeiten darf, freut mich. Und ich sehe, dass die Gruppe Dinge möglich macht, die wir alleine vielleicht nicht gestemmt hätten.
Der eigentliche Inhalt des Nachmittags
Vor meinem Block ging es um das, was uns alle gerade beschäftigt. Dr. Oliver Grün hat die grosse Linie gezogen, Georg Hiestand, Chefexperte der Elektroberufe im Kanton Zürich, hat gezeigt, wie das in der Prüfungspraxis aussieht. Danach sass ich mit beiden auf dem Podium.
Oliver Grün hat einen Satz gesagt, der den ganzen Nachmittag getragen hat: KI verändert nicht nur, wie wir lernen, sondern wofür wir lernen. Taschenrechner und Suchmaschinen waren Hilfsmittel. KI führt Aufgaben selbst aus. Damit verliert reines Fachwissen seinen Status als knappes Gut.
Georg Hiestand hat das sehr konkret gemacht. In seinem Beruf erstellt KI aus Installationsplänen heute schon Normberechnungen, Schemata und Materiallisten. Ab 2027 bringen die Kandidatinnen und Kandidaten ihre eigenen Laptops an die Prüfung mit, ab 2030 kommt die digitale Lerndokumentation. Besonders beeindruckt hat mich sein Pilotversuch zur KI-gestützten Korrektur: Die Maschine hat Handschriften und Schaltsymbole sauber erkannt und dabei menschliche Rechenfehler gefunden.
Mein Punkt, und warum ich darauf beharre
In der Diskussion wurde ich gefragt, ob ich einverstanden sei, dass KI disruptiv ist. Ja, bin ich. Aber nicht dort, wo es die meisten vermuten.
Disruptiv betroffen sind nicht die Berufe. Betroffen sind unsere Beweismittel. KI erzeugt genau jene Produkte, die wir bisher als Nachweis von Kompetenz genommen haben: den Bericht, die Dokumentation, den Code. Unser Messinstrument ist angeschlagen, nicht der Beruf. Das heisst nicht, dass wir in Panik geraten müssen. Es heisst, dass wir ehrlich sein müssen: Ein Produkt allein beweist heute weniger als früher.
Die Antwort darauf ist nicht das Verbot. Verbote lassen sich nicht durchsetzen und bestrafen vor allem die Ehrlichen. Die Antwort ist, zu prüfen, was sich nicht generieren lässt. Das Fachgespräch zum Beispiel. Wer fünf Minuten begründen muss, warum er etwas so und nicht anders gelöst hat, zeigt mehr Kompetenz als auf dreissig Seiten Bericht.
Und noch etwas habe ich zum Schluss meines Blocks gesagt, bewusst gegen den Technikoptimismus des Nachmittags gesetzt. Ich habe mein Leben lang Software gebaut, die Menschen Arbeit abnimmt. Genau darum geht es: Zeit zu schaffen für die Betreuung junger Menschen. KI darf bei der Sichtung von Berichten helfen. Sie darf nicht die abschliessende Beurteilung eines jungen Menschen übernehmen. Eine Note ist kein Rechenergebnis. Sie ist mit Verantwortung verbunden, und die muss beim Menschen bleiben.
Das war vor vierzig Jahren meine Haltung und sie ist es heute. Nicht akzeptieren. Anpacken. Besser machen.
Zum Schluss
Nach dem offiziellen Teil hat Flurina Torri das ganze Team auf die Bühne gerufen und zu jeder Person gesagt, was sie macht. Das war ein schöner Moment, weil so viele Namen, die unsere Kundinnen und Kunden nur aus Mails kennen, plötzlich ein Gesicht bekamen.
Danach gab es einen Apéro, der bis in den Abend dauerte. Die Moderatorin Manuela Kaufmann hatte am Nachmittag gesagt, man solle die Pause mit echten Menschen geniessen. Das war als Gag gemeint, aber an diesem Tag stimmte es. Viele der Anwesenden kennen sich seit Jahren aus Prüfungskommissionen und Ämtern und sehen sich trotzdem selten.
Nun wünsche ich der GRÜN Ivaris AG weitere 40 erfolgreiche Jahre!
jpk