Pflegen oder programmieren? Was die Lehrabschlüsse 2025 über Geschlechterrollen verraten
65’291 junge Menschen haben 2025 in der Schweiz eine berufliche Grundbildung mit EBA oder EFZ abgeschlossen. Wer sich die Zahlen nach Geschlecht ansieht, entdeckt ein Land, das in der Berufsbildung noch immer in zwei Welten lebt. Und eine Entwicklung, die nur in eine Richtung läuft.
Die Schweizer Berufsbildung ist zu Recht unser Stolz. Sie ist durchlässig, praxisnah und international beachtet. Ein Blick in die neuste Abschlussstatistik des Bundesamts für Statistik zeigt aber auch, wie stark die Berufswahl mit 15 Jahren noch immer dem Geschlecht folgt. Ich habe die rund 250 Berufe in 19 Berufsfelder gruppiert und die Jahre 2021 bis 2025 verglichen. Das Ergebnis ist deutlicher, als ich erwartet hatte.
Zwei Welten, kaum Berührungspunkte
Auf der einen Seite stehen Elektro, Gebäudetechnik, Fahrzeuge, Bau, Metall und Logistik. In all diesen Feldern liegt der Frauenanteil unter 12 Prozent. Unter 1490 frischgebackenen Elektroinstallateurinnen und Elektroinstallateuren sind gerade einmal 34 Frauen. Bei den Heizungsinstallateuren ist es genau eine.
Auf der anderen Seite stehen Gesundheit, Betreuung und Körperpflege mit über 80 Prozent Frauen. Bei den Medizinischen Praxisassistentinnen liegt der Anteil bei 97 Prozent, bei den Floristinnen bei 98 Prozent, bei den Kosmetikerinnen bei 100 Prozent.

Frauen- und Männeranteil an den Lehrabschlüssen 2025 in 19 Berufsfeldern.
Wie tief der Graben ist, zeigt eine einfache Rechnung. 57 Prozent aller Männer schliessen in einem Beruf ab, in dem weniger als ein Fünftel Frauen sind. 47 Prozent aller Frauen schliessen in einem Beruf ab, in dem über 80 Prozent Frauen sind. Nur knapp ein Drittel der Frauen und ein gutes Fünftel der Männer landen in wirklich gemischten Berufen. Wollte man beide Geschlechter gleichmässig auf alle Berufe verteilen, müsste mehr als die Hälfte der Lernenden den Beruf wechseln.

Lesebeispiel: 57 % aller Männer schliessen in einem Beruf ab, der zu über 80 % aus Männern besteht.
Ein zweiter Befund hat mich überrascht: Frauen wählen viel konzentrierter. Die Hälfte aller weiblichen Abschlüsse entfällt auf nur fünf Berufe, allen voran KV, Fachfrau Gesundheit, Fachfrau Betreuung und Detailhandel. Bei den Männern verteilt sich dieselbe Hälfte auf 15 Berufe. Das Berufsspektrum, das junge Frauen tatsächlich nutzen, ist also deutlich schmaler als das der Männer.

Die zehn häufigsten Berufe je Geschlecht, in % aller Abschlüsse von Frauen bzw. Männern 2025.
Die Mitte: Büro, Laden, Küche und ein überraschender Pinsel
Gemischt sind vor allem die Berufe, die man nicht einem Geschlecht zuschreibt: Kaufleute (55 Prozent Frauen), Detailhandel (54 Prozent), Gastronomie und Hotellerie, das Labor. Und dann die Malerinnen und Maler: 2021 waren 40 Prozent Frauen, 2025 sind es 49 Prozent. Ein klassischer Bauberuf ist innerhalb von fünf Jahren zum ausgeglichenen Beruf geworden.
Wo sich etwas bewegt und wo nicht
Die Entwicklung seit 2021 ist aufschlussreich, weil sie asymmetrisch ist. Frauen erobern Schritt für Schritt einzelne Männerdomänen. Bei den Landwirtinnen stieg der Anteil von 17 auf 23 Prozent, bei den Mediamatikerinnen von 31 auf 40 Prozent, bei den Konstrukteurinnen von 9 auf 13 Prozent.
Wo es dagegen um Strom, Leitungen und Code geht, steht alles still. Elektroinstallateurinnen: 2,2 Prozent im Jahr 2021, 2,3 Prozent im Jahr 2025. Informatikerinnen: 8,3 Prozent damals, 9,0 Prozent heute. Für mich, der den Informatikberuf in der Schweiz mit aufbauen durfte, ist das die ernüchterndste Zahl dieser Statistik. Nach Jahrzehnten von Förderprogrammen, Girls‘ Days und Kampagnen hat sich der Frauenanteil kaum bewegt.

Frauenanteil in ausgewählten EFZ-Berufen, 2021 bis 2025.
Und die Männer? Sie bleiben den Frauenberufen fern. Der Männeranteil bei den Fachleuten Gesundheit liegt seit fünf Jahren wie festgenagelt bei 14 Prozent. Bei den Medizinischen Praxisassistenten sind es 31 Männer von über tausend Abschlüssen.

Männeranteil in typischen Frauenberufen, 2021 bis 2025.
Warum ist das so?
Die Statistik liefert keine Begründungen, aber die Muster passen gut zu dem, was die Bildungsforschung seit Jahren beschreibt.
Der Entscheid fällt im heikelsten Alter. In der Schweiz wählen Jugendliche ihren Beruf mit 14 oder 15 Jahren, also genau dann, wenn die eigene Identität am unsichersten ist und die Zugehörigkeit zur Gruppe am meisten zählt. Die amerikanische Psychologin Linda Gottfredson hat gezeigt, dass Jugendliche Berufe zuerst danach aussortieren, ob sie zum eigenen Geschlecht «passen». Erst danach prüfen sie Interessen und Fähigkeiten. Viele Berufe werden also gar nie ernsthaft in Betracht gezogen.
Die Grenzüberschreitung kostet unterschiedlich viel. Eine junge Frau, die Landwirtin oder Malerin wird, gewinnt in den Augen ihres Umfelds eher an Anerkennung. Ein junger Mann, der Praxisassistent oder Florist wird, muss sich häufiger erklären. Dazu kommt, dass typische Frauenberufe oft tiefere Löhne und weniger Prestige haben. Diese Asymmetrie erklärt gut, warum sich Frauen bewegen und Männer nicht.
Männer stehen schnell unter Verdacht. In der Betreuung von Kindern kommt ein Hindernis dazu, über das selten offen gesprochen wird. Ein Mann, der wickelt, tröstet oder am Mittagstisch die Kleinen betreut, begegnet bei manchen Eltern einem diffusen Misstrauen. Das hat einen realen Hintergrund, denn sexuelle Übergriffe werden überwiegend von Männern begangen. Doch aus diesem Befund wird allzu leicht ein Generalverdacht gegen alle Männer, die sich für einen Betreuungsberuf interessieren. Wer als junger Mann spürt, dass seine Motive angezweifelt werden, bevor er überhaupt angefangen hat, wählt lieber einen anderen Weg. Dabei schützen klare Schutzkonzepte, Transparenz und das Vier-Augen-Prinzip Kinder weit wirksamer als das Geschlecht des Personals. Und sie gelten für alle, denn auch Frauen können Kindern Schaden zufügen.
Nicht der Beruf, sondern sein Bild entscheidet. Auffällig ist, welche Männerberufe sich öffnen: jene mit einem gestalterischen, kreativen oder naturnahen Anteil. Malerin hat mit Farbe und Raumgestaltung zu tun, Mediamatik mit Kommunikation und Design, Landwirtschaft mit Tieren, Natur und zunehmend mit Töchtern, die den elterlichen Hof übernehmen. Informatik und Elektrotechnik dagegen haben noch immer das Image des einsamen Tüftlers vor dem Bildschirm oder im Kabelschacht. Dass Informatik heute sehr viel mit Menschen, Abläufen und Kommunikation zu tun hat, kommt bei den Jugendlichen offensichtlich nicht an.
Vorbilder fehlen dort, wo sie am nötigsten wären. Wer in der Schnupperlehre nur Männer im Team erlebt, keine Garderobe für Frauen vorfindet und am Znünitisch die einzige Frau ist, wird sich die Sache zweimal überlegen. Umgekehrt gilt dasselbe für den jungen Mann in der Arztpraxis. Der Kreis schliesst sich: Weil wenige den Schritt wagen, bleiben die Vorbilder aus.
Das Selbstbild zählt mehr als die Fähigkeit. Mädchen schneiden in Mathematik nicht schlechter ab, schätzen sich aber oft schlechter ein. In der Berufswahl zählt die Selbsteinschätzung mehr als die Note im Zeugnis.
Die Berufsbildung ist nur ein Ausschnitt. Junge Frauen gehen in der Schweiz häufiger ans Gymnasium als junge Männer. Das erklärt, warum 2025 nur 44 Prozent der Lehrabschlüsse an Frauen gingen. Gerade bei den Gesundheitsberufen spielt zudem die Weiterbildung mit: Die Lehre als Fachfrau Gesundheit ist für viele das Sprungbrett in die Pflege an der Höheren Fachschule oder Fachhochschule.
Was folgt daraus?
Man kann die Zahlen gelassen sehen. Jeder Mensch soll den Beruf wählen, der zu ihm passt, und eine erzwungene Gleichverteilung ist kein Ziel an sich. Aber die Statistik zeigt eben nicht nur freie Neigung, sondern auch verpasste Möglichkeiten. Wir haben einen gravierenden Fachkräftemangel in der Gebäudetechnik, in der Elektrobranche, in der Informatik und in der Pflege. Also genau in den Feldern, die jeweils die Hälfte des Talentpools fast vollständig ignorieren.
Die Beispiele Malerin, Mediamatikerin und Landwirtin zeigen, dass sich Berufsbilder verändern lassen. Nicht mit Plakatkampagnen, sondern indem Branchen ihre Berufe so zeigen, wie sie heute tatsächlich sind: vielseitig, gestalterisch, kommunikativ und mit echten Entwicklungsperspektiven. Und indem Lehrbetriebe dafür sorgen, dass sich die Erste in einem Team nicht wie eine Exotin fühlt.
Für die Männer braucht es wohl den grösseren Kulturwandel. Solange Betreuung und Pflege als «Frauenarbeit» gelten und entsprechend bezahlt werden, wird sich an den 14 Prozent wenig ändern. Solange zudem jeder Mann in einer Kita oder am Mittagstisch zuerst beweisen muss, dass er harmlos ist, werden sich nur wenige diesen Weg antun. Dabei brauchen gerade Kinder männliche Bezugspersonen im Alltag. Hier ist nicht nur die Berufsbildung gefordert, sondern die ganze Gesellschaft.
Datenquelle: Abschlüsse berufliche Grundbildung EBA/EFZ 2021-2025, Bundesamt für Statistik (Stand Juni 2026). Gruppierung in Berufsfelder und Auswertung: eigene Berechnung.
Zum Autor
Jean-Pierre Kousz (Jahrgang 1956) prägt die Berufsbildung in der Informatik seit über drei Jahrzehnten. Er gehört zu den Mitbegründern der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik (ZLI) und des Berufs Informatiker/in Applikationsentwicklung. Als Präsident der Prüfungskommission Informatik des Kantons Zürich schrieb er das erste Reglement für dessen Qualifikationsverfahren. Später führte er als Geschäftsleiter und Rektor die Informatikschule WISS, war mehrere Jahre Schweizer Experte an den WorldSkills und verfasste Handbücher zu den Qualifikationsverfahren. Die von ihm entwickelte Software PkOrg unterstützt Prüfungskommissionen bei der Organisation der Abschlussprüfungen. Heute leitet er im Auftrag des SBFI als Leitexperte Anerkennungsverfahren für Höhere Fachschulen. Er lebt in Wila im Tösstal.