Vom Netzwerkkabel in St. Gallen zur Weltbühne in Shanghai – ein persönlicher Blick auf die WorldSkills 2026

Morgen ist es wieder so weit: In Shanghai wird die Berufsweltmeisterschaft eröffnet. Und wie jedes Mal, wenn die WorldSkills beginnen, spüre ich ein leises Kribbeln. Nicht, weil ich selbst noch mitmache, sondern weil ich weiss, was in diesen Stunden in den jungen Leuten vorgeht: die schlaflose Nacht vor dem ersten Wettkampftag, die letzte Kontrolle der Werkzeuge, der Blick auf die Uhr, die ab dem Startsignal unerbittlich runterzählt.

Grösser als je zuvor

Die Eröffnungsfeier findet am 22. September 2026 statt, die Wettbewerbe dauern bis zum 27. September. Es ist bereits die 48. Austragung der WorldSkills Competition, und die Dimensionen sind beeindruckend: Mehr als 1’400 Berufs-Champions aus 68 Ländern und Regionen treten an, um in 64 verschiedenen Skills die Besten zu küren. Swissmem spricht sogar von den grössten WorldSkills aller Zeiten.

Die Schweiz reist mit einer starken Delegation an: 42 Competitors des SwissSkills National Team, die in 38 Berufen an den Start gehen. Das Ziel ist ehrgeizig, aber realistisch: erneut eine Top-3-Platzierung in der Nationenwertung. Dahinter stecken rund 1’000 Stunden Vorbereitung pro Talent, unterstützt von Expertinnen und Experten, Berufsverbänden, Arbeitgebenden und Teamleadern.

Wie alles für mich begann: Seoul 2001

Als ich 2001 als Experte für den Beruf Informatik nach Seoul reiste, war die Welt der Berufswettbewerbe noch überschaubarer. Über 600 junge Berufsleute massen sich in 39 Disziplinen, 37 davon aus der Schweiz, niemand älter als 22 Jahre. Die Informatik war damals eine Disziplin: «Software-Applikationen». Unser Kandidat Urs Hüninger belegte Rang 10, Christian Beyeler in der Netzwerktechnik sogar Rang 5 mit Diplom.

Was mich damals am meisten beeindruckte, war nicht die Rangliste, sondern der Blick über den Tellerrand. Delegationschefin Christine Davatz-Höchner stellte fest, dass viele Länder massiv in die Berufsbildung investieren und das Niveau spürbar steigt. Dieser Satz hat mich nie mehr losgelassen, denn er gilt heute mehr denn je.

Mein Bericht von 2001

Heimspiel in St. Gallen 2003

Zwei Jahre später war die Schweiz Gastgeberin. Vom 19. bis 22. Juni 2003 fand die Berufsweltmeisterschaft in St. Gallen statt, und ich durfte erneut als Experte für die Schweiz dabei sein, inzwischen gewählt zum stellvertretenden Chefexperten (Deputy Chief Expert) in unserem Informatikberuf. An meiner Seite standen Antoine Parella, Raffaele Stefanelli, Renate Ried und Urs Steinmann.

Ein Detail, auf das ich bis heute stolz bin: Die gesamte Wettbewerbsinfrastruktur, ein auf Sicherheit getrimmtes Netzwerk mit über zwanzig Arbeitsplätzen, wurde von den Mitarbeitenden der K+K Computer Services AG aufgebaut, der heutigen GRÜN Ivaris AG. Wer je einen Wettbewerb betreut hat, weiss: Wenn während der Prüfung ein Rechner ausfällt oder das Netz hängt, ist die Fairness dahin. In St. Gallen lief alles.

2005 in Helsinki war ich dann «nur» noch Besucher, mit der Kamera in der Hand. Aus dem Material entstand ein Film, der beinahe zum offiziellen Film wurde und sogar dem Bundesrat vorgeführt wurde.

St. Gallen 2003 · Helsinki 2005 mit Film

Vom einen Informatikberuf zu vier Skills

Wie sehr sich die Welt verändert hat, zeigt ein Blick auf die Schweizer Informatikdelegation in Shanghai. Eine Informatikerin und vier Informatiker vertreten die Schweiz in den Disziplinen «Software Application Development», «Web Technologies», «Cloud Computing» und «Cyber Security». Aus der einen Disziplin von damals sind vier geworden, Cloud und Cybersecurity gab es 2001 als Wettbewerbsberuf schlicht nicht.

Besonders freut mich, dass in der direkten Nachfolgedisziplin unseres alten Berufs eine junge Frau antritt: Louana Berger, Informatikerin EFZ Applikationsentwicklung bei der Bitforge AG, aus dem Kanton Solothurn. Ihr zur Seite stehen William Wigginton (Web Technologies), Linus Moser (Cloud Computing) sowie Gian Klug und Luc Fisch im Cyber-Security-Team. Wie ehrlich Louana die Herausforderung einschätzt, hat mich berührt: Am meisten Respekt habe sie davor, während der Wettkampfwoche jeden Tag trotz Rückschlägen konstant Höchstleistungen abzuliefern. Genau das ist es. Das Fachliche haben sie alle drauf, sonst wären sie nicht hier. Den Unterschied macht der Kopf.

Gold ist keine Selbstverständlichkeit

Jahrelang blieb uns Informatikern die Goldmedaille verwehrt. 2015 in Brasilien war es dann endlich so weit: Lars Tönz holte Gold im Beruf «IT Software Solutions for Business», und ich habe mich gefreut, als hätte ich selbst auf dem Podest gestanden. In Lyon 2024 sorgte das Schweizer Informatikteam mit Gold im Skill Cyber Security erneut für Aufsehen. Die Messlatte liegt also hoch, und die Konkurrenz schläft nicht: Die chinesische Delegation gilt als Favoritin.

Berufs-Weltmeisterschaft 2015

Warum Sie hinschauen sollten

2015 habe ich an dieser Stelle beklagt, dass diese Wettbewerbe in unseren Medien kaum Beachtung finden. Das hat sich zum Glück etwas gebessert, aber noch immer bekommt ein Skirennen mehr Sendezeit als die Weltmeisterschaft jener Menschen, die unsere Häuser bauen, unsere Netzwerke schützen und unsere Software schreiben.

Dabei zeigen die WorldSkills eindrücklich, was die duale Berufsbildung leisten kann. Diese jungen Leute standen vor kurzem noch am Anfang ihrer Lehre. Jetzt vertreten sie die Schweiz auf der grössten Bühne der Berufswelt.

Die Eröffnungsfeier wird live auf YouTube und Facebook übertragen: worldskills2026.com/live-streaming/opening-ceremony. Schauen Sie rein, drücken Sie die Daumen, und erzählen Sie es weiter. Unsere 42 Botschafterinnen und Botschafter der Berufslehre haben es verdient.

Hopp Schwiiz!

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