Radio Schaffhuuse: Wenn die KI am Mikrofon sitzt

Vor ein paar Tagen bin ich auf einen Radiosender gestossen, der mich sofort fasziniert hat: Radio Schaffhuuse. Auf den ersten Blick ein ganz normales Lokalradio mit Musik, Nachrichten, Wetter und einer Songwunsch-Seite. Auf den zweiten Blick etwas grundlegend Neues: Am Mikrofon sitzt keine Moderatorin und kein Moderator, sondern eine künstliche Intelligenz. Ich habe den Stream inzwischen auf meinem Lyrion-Server eingerichtet und höre regelmässig rein. Und ich sage es gleich vorweg: Mir gefällt das, und ich bin überzeugt, dass wir hier ein Stück Zukunft des Radios hören.

Ein Verlag geht neue Wege

Hinter Radio Schaffhuuse steht der Bock Verlag, bekannt durch den «Schaffhauser Bock» und das Onlineportal «Schaffhausen24». Am 1. Juli 2026 hat der Sender den Testbetrieb aufgenommen und ist seither über DAB+ auf Kanal 5D in der Ostschweiz sowie als Webstream empfangbar. Damit schliesst der Verlag den Kreis seiner Kanäle: lesen im Bock, schauen auf Schaffhausen24, hören auf Radio Schaffhuuse. Als Vorbild diente übrigens der Liechtensteiner Sender Radio Vaterland, der bereits früher auf ein KI-basiertes Programm gesetzt hat.

Das redaktionelle Konzept finde ich bemerkenswert durchdacht. Die Inhalte stammen aus dem eigens dafür aufgebauten Newsroom von Schaffhausen24. Journalistinnen und Journalisten schreiben und verifizieren die Meldungen, sei es aus eigener Recherche oder auf Basis von Mitteilungen von Vereinen, Behörden und Blaulichtorganisationen. Die KI übernimmt anschliessend die Fleissarbeit: Sie fasst Artikel zusammen, kürzt sie radiogerecht, aktualisiert Wetter- und Verkehrsmeldungen und liest die Beiträge schliesslich vor. Der Sender selbst formuliert es treffend: Die KI ist der Vorleser, nicht der Journalist. Genau diese Arbeitsteilung halte ich für das richtige Modell. Die Qualitätssicherung bleibt beim Menschen, die Skalierung übernimmt die Maschine.

Die Technik dahinter: RadioButler

Wer sich den Webstream genauer anschaut, entdeckt schnell, woher das Programm technisch kommt: Der Stream läuft über radiostream.radiobutler.com. RadioButler ist eine Plattform der DigitalAnna UG, einer kleinen Softwarefirma auf Helgoland. Entstanden ist das System aus dem eigenen Sender Radio Helgoland, auf dem jede Funktion im täglichen Betrieb erprobt wird, bevor sie an Kunden geht. Dieser Ansatz gefällt mir: Software, die aus der eigenen Praxis heraus entwickelt wurde, ist meist die bessere Software.

Die Plattform deckt den kompletten Sendebetrieb ab. Eine sogenannte MusicBox wählt die Musik nach Genre, Stimmung, Energie und Zielgruppe aus und sorgt dafür, dass sich Titel nicht zu schnell wiederholen. KI-Moderatoren begrüssen die Hörerschaft, sprechen über die Musik und die konfigurierten Themen. Nachrichten, Wetter und Verkehr werden vollautomatisch geschrieben, vertont und zur vollen Stunde gesendet. Dazu kommen automatisch produzierte Jingles und Sweeper fürs Stationsbranding. Für die Sprachsynthese setzt RadioButler auf ElevenLabs, dessen Stimmen inzwischen ein Niveau erreicht haben, bei dem man zweimal hinhören muss.

Besonders spannend finde ich die Songwunsch-Funktion, über die ich den Sender überhaupt erst entdeckt habe. Hörerinnen und Hörer können Wünsche einreichen, die direkt ins Programm einfliessen. In den grösseren Abos prüft eine KI die Wunschmeldungen sogar auf beleidigende oder gefälschte Einträge, bevor sie auf Sendung gehen. Das ist Community-Radio mit eingebautem Filter.

Unter der Haube ist die Auslieferung erfreulich klassisch gelöst: ein ganz normaler Icecast/Shoutcast-kompatibler MP3-Stream mit Icy-Metadaten, der sich problemlos in jeden Player, jede Multiroom-Anlage und eben auch in einen Lyrion Music Server einbinden lässt. Die Website von Radio Schaffhuuse ist ein WordPress mit einem Sonaar-Player, und die aktuellen Titelinformationen kommen über einen eigenen REST-Endpoint. Wer wie ich gerne selber bastelt, findet hier alle Zutaten für eigene Integrationen, etwa eine Now-Playing-Anzeige in Home Assistant.

Radio machen wird demokratisiert

Was mich an der Sache am meisten beeindruckt, ist die Kostenseite. RadioButler bietet einen kompletten 24/7-Sender ab 49 Euro pro Monat an. Einzelne Produktionen wie Nachrichtenmeldungen oder Wetterberichte kosten im On-Demand-Modell wenige Rappen, dazu kommen die Kosten für die Sprachsynthese. Was früher ein Studio, Technik und ein ganzes Team erforderte, ist heute für den Preis eines Streaming-Abos zu haben.

Ich betreibe mit Wellentanz Radio selber eine kleine Internetradio-Station auf Basis von AzuraCast und weiss deshalb, wie viel Handarbeit auch in einem automatisierten Musikprogramm steckt. Die Vorstellung, dass Moderation, Nachrichten und Verpackung künftig auf Knopfdruck dazukommen, eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Nicht nur für Verlage wie den Bock, sondern für Gemeinden, Vereine, Veranstalter und Firmen.

Natürlich kann man einwenden, dass damit ein Stück Radiokultur verloren geht. Die spontane Live-Moderation, das Lachen im Studio, die Panne, die zum Kult wird: Das alles kann die KI (noch) nicht ersetzen, und die grossen Sender mit ihren starken Persönlichkeiten wird es weiterhin brauchen. Aber für den lokalen Raum, wo sich ein klassischer Sendebetrieb wirtschaftlich schlicht nicht rechnet, ist dieses Modell ein Gewinn. Lieber ein KI-Radio mit journalistisch geprüften Lokalnachrichten aus Schaffhausen als gar kein Lokalradio.

Radio Schaffhuuse zeigt, wie es gehen kann: Der Mensch kuratiert und verantwortet die Inhalte, die KI produziert und sendet. Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten Jahren noch viele solcher Sender hören werden.

Reinhören lohnt sich: radio-sh.ch

Empfang als Stream: MP3-Stream